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Das große Konzert



Am gestrigen Samstag sang ich mit dem Hochschulchor der HfM Weimar und dem Mitteldeutschen Kammerorchester ein Konzert in der Herderkirche zu Weimar. Ich hatte mich wirklich darauf gefreut, stand ich doch seit drei Jahren nicht mehr mit einem Chor auf der Bühne. Diese Freude wurde mir zunächst dadurch getrübt, dass das Chorpodest so klein ausfiel. War ich das großzügige Podest des Plauener Theaters gewohnt, kam ich mir dort vor wie eine Sardine in der Büchse. Zu allem Überfluss wackelte das Ding auch noch ziemlich gefährlich. Aber so viel Professionalität muss man schon haben, dass man sich davon nicht ablenken lässt.

Die Generalprobe am Nachmittag lief gut und ich freute mich gleich noch ein wenig mehr auf den Auftritt, nicht zuletzt wegen des einmaligen Klangs in der Kirche (es war mein erstes Konzert in einer Kirche) . Doch all die Freude war wohl vergebens. Am Abend ging das Konzert los. Ich ließ, nachdem ich meine Stellung bezogen hatte, meinen Blick über das Publikum schweifen. Das sah so gar nicht nach chorsinfonischem Konzert aus. Besonders ins Auge stieß mir dabei eine ältere Dame, die mit beigem Kurzmantel, dunkelblauem, knielangem Blümchenrock, weißen Socken und schwarzen Lackschuhen mir direkt gegenüber saß. Doch soll man sich ja nicht von Äußerlichkeiten leiten lassen.

Die Solisten betraten die Bühne. Der Versuch des Chores, durch Klatschen auch das Publikum zum Applaus zu bewegen, schlug leider fehl. Doch wenigstens machten sie mit, als der Dirigent sein Podest betrat. Allgemein hatten es die Zuschauer nicht so sehr mit Beifall klatschen, was ich ein wenig schade fand. Während die Sopranistin ihr Solo zum Besten gab, hatte ich ein wenig Zeit, mich umzuschauen. Ich entdeckte einige Leute im Publikum, die es sich zum Ziel des Abends gemacht hatten, das Programmheft auswendig zu lernen. Jedenfalls fand ich keine bessere Erklärung dafür, weshalb sie minutenlang dort hinein starrten. Andere entschieden sich für die bequemere Variante des kleinen Nickerchens. Ich entdeckte lediglich zwei Menschen, die glücklich aussahen und denen es zu gefallen schien. Irgendwie ziemlich demotivierend. Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass zur Abrundung dieses Bildes eigentlich nur noch mein Freund gefehlt hat, der laut schnarchend irgendwo in der letzten Reihe sitzen würde. Gott sei Dank würde er sich niemals in solche Konzerte hineinschleifen lassen!

Als die Sopranistin ihr hohes c hinausschmetterte, das selbst mir in den Ohren weh tut, wachte das Publikum kurzzeitig wieder auf. Nach dem Solo klatschten sie sogar! Als wir dann begannen, die Litanei von Mozart zu singen, freute ich mich innerlich tierischst, schließlich war es das letzte Stück des Abends. Danach gab es dann noch richtig heftigen Applaus, wobei ich glaube, dass der Chor begeisterter klatschte als das Auditorium.
Alles in allem war ich also nicht sonderlich zufrieden mit dem Abend. Der Chor war Spitzenklasse, die Solisten der absolute Hammer und das Orchester einfach vorzüglich, doch hatte ich das Gefühl, dass wir einfach das falsche Publikum hatten. Man fragte sich wirklich, wer all diese Menschen gezwungen hatte, sich an diesem Abend das Programm zu Gemüte zu führen. Vielleicht bin ich aber auch nur verwöhnt von dem euphorischen Publikum, dass wir im Plauener Theater haben. Für alle Insider: das Publikum gestern war noch schlimmer als das von Zwickau - und das muss man erstmal schaffen!
1.7.07 15:10
 


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Kategorien: Alltägliches | Gesellschaft | Menschliches
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