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Klar sehen



(Dieser Text entstand am 15. Juli 2007)

Manchmal hat man eine Offenbarung. So einen Moment, in dem man zu sich selbst sagen kann: "Natürlich, jetzt sehe ich vollkommen klar!" Eigentlich ist das nichts Besonderes. Gerade wenn man Student ist kommt so etwas häufig vor, egal ob Natur- oder Geisteswissenschaften. Doch wie selten sind die Offenbarungen außerhalb dieses Bereiches? Sagen wir, im zwischenmenschlichen Bereich? Natürlich sind sie rar gesät, da es nie einfach ist, einen Menschen zu verstehen. Aber was noch schwieriger ist: sich selbst verstehen.

Wenn ich zurückdenke, wie viele Offenbarungen zu meiner eigenen Person oder meinem Leben ich bisher hatte, brauche ich lediglich eine einzige Hand, um sie abzählen zu können. Ist ja auch klar, man gewinnt zu sich selbst selten den Abstand, den man bräuchte, um nahegehend objektiv urteilen zu können. Doch manchmal gelingt es eben doch, dass man es schafft, sich selbst die rosarote Brille von der Nase zu reißen und die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind - ohne all die Verzierungen, die die eigene Phantasie hinzufügt. Solch einen Moment hatte ich heute.

Es begann alles ganz harmlos. Ich hatte Zweifel in Bezug auf etwas, das ich nicht näher definieren möchte. Genau so groß war mein Zweifel, ob ich jemandem davon erzählen sollte. Als dann allerdings eine meiner besten Freundinnen anrief, sprach ich mich doch einmal aus. Und genau das war der Moment der Offenbarung. Es lag nicht an dem, was sie sagte, sondern vielmehr daran, was ich sagte - und dass ich es mich selbst sagen hörte. Den ganzen Tag über gingen mir meine eigenen Worte nicht mehr aus dem Kopf und ich begann, meine Situation zu betrachten, als sei ich selbst nicht daran beteiligt.

Am späten Abend saß ich in meiner Küche am offenen Fenster. Ein kühler Wind blies mir ins Gesicht, der nach einem heißen Sommertag äußerst angenehm war. Ich nippte an meinem Wodka-Martini und blickte hinauf zu den Sternen. Und in diesem Moment wurde mir klar, dass ich nun klarer sah. Die rosarote Brille war weg und auf einmal sah alles nicht mehr ganz so freundlich aus, wie ich es mir eingebildet hatte.

Ich wusste nicht, ob ich mich freuen sollte, da ich nun endlich verstand, oder ob ich traurig sein sollte, da mir bewusst wurde, dass sich schon bald etwas ändern würde von dem ich geglaubt hatte, dass es sich so schnell nicht ändern würde. Doch das ist wohl der Haken an diesen tollen Offenbarungen: sieht man seine eigene Situation erst einmal mit ein wenig Abstand, wird einem schnell bewusst, dass einem dieses Bild, welches sich offenbart, eigentlich überhaupt nicht gefällt und man sich selbst darauf nicht wiedererkennt. Das ist wohl der Preis, den man zahlen muss, wenn man danach strebt, in allem, was man tut, man selbst bleiben zu wollen. Aber es lohnt sich ja auch, denn die eigene Person ist wohl die einzige, die einem wirklich bis ans Lebensende treu bleibt.

 
21.7.07 21:53
 


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Kategorien: Alltägliches | Gesellschaft | Menschliches
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